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Vom Wünschen

Zum Erzählen gedacht

Vom Wünschen

Beitragvon Gina » Mi 1. Feb 2012, 20:21

Der Wünscher

Wahrscheinlich kennt das fast jeder bis auf einige Ausnahmen: Du lebst so vor dich hin, bringst deinen Alltag schlecht und recht über die Bühne, sitzt abends auf der Couch neben deiner Frau und kannst dem Krimi nicht folgen, den die Flimmerkiste bietet, weil du unzufrieden bist.

Du weißt nicht so recht, warum, fühlst dich bloß eben nicht wohl, nicht erfüllt, nicht glücklich, so zwischen Langeweile, la-la und beschissen. Die Kinder sind groß und aus dem Haus, sie krähen nicht mehr nach dir und du wärst frei, eine ganze Menge zu tun, wovon du vielleicht früher geträumt hast. Jetzt aber hast du längst vergessen, was es war, und du hast keine Ahnung, wohin du gehen könntest, und außerdem bist du auch viel zu müde, um noch aufzustehen und dich auf den Weg zu machen.

Ungefähr in diesem Zustand befand ich mich ziemlich lange. Als es anfing, dachte ich, es täte mir gut, wenn ich mir eine Geliebte zulegte, eben eine Frau, die anders riecht als allzu bekannt. Doch die Sache klappte nicht so recht; wenn ich versuchte, bei einer anzudocken, hat sie mich beizeiten abfahren lassen und ich fürchte, das lag an meinem kleinen Bauch. Das Doppelkinn habe ich ja auch schon seit einer Reihe von Jahren und ich werde es wohl kaum von einem Tag zum anderen los.

Es mag auch seine gute Seite gehabt haben, dass mir das Fremdgehen nicht gelungen ist; ich hätte nämlich eine Menge lügen müssen und das ist gerade nicht das Fach, das mir besonders liegt. Und Geld für etwas auszugeben, was man früher so schön romantisch Schäferstündchen genannt hat, war mir erst recht zu blöd, abgesehen davon, dass ich nicht so viel verdiente.

Mein Nachbar – wir bewohnten damals eine Doppelhaushälfte in einer Siedlung – war es, der mich infiziert hat.

Wir verstanden uns eine Zeitlang mächtig gut und ich staunte immer, wie seine Augen leuchteten, wie federnd sein Gang war, was für eine Kraft von ihm ausging. Ich wünschte mir einfach zu sein wie er, auch dass mir die Dinge so leicht fielen wie ihm. Denn mir war es immer so vorgekommen als stehe er über allem, als mache ihm nichts etwas aus, als sei er der Lebenskünstler schlechthin und ein vollkommener Glückspilz obendrein. Zudem schienen wir uns in einer ähnlichen Situation zu befinden und das machte mir die Sache noch neidwürdiger: Seine Kinder waren aus dem Haus wie auch die unseren, er hatte ebensoviel Jahre auf dem Buckel wie ich – mit dem Unterschied, dass man sie ihm weniger ansah – und die Frau, mit der er in trauter ehelicher Gemeinschaft lebte, mochte gut und gern seine erste und einzige sein.

Er war Astrologe und seine Visitenkarte lautete auf Lebensberater. Ziemlich oft saßen Leute auf seiner Veranda, denen er Mondknoten und Aszendenten erklärte und riet, ihr Geschäft zu verändern oder ihre Gewohnheiten abzustellen. Zuweilen besuchte er seine Klienten auch und fuhr weite Strecken, wofür er einen blitzblanksauberen MERCEDES benutzte. Er hat mir nie verraten, wieviel ihm das einbrachte, aber ich sah ihm an, dass die Sache einträglich war und dass es nicht einmal auf die spärliche Aufstockung ankam, mit der sich seine Frau beteiligte, die als Verkäuferin in einem Supermarkt wahrscheinlich eher kärglich verdiente. Doch auch sie sah gut aus, erheblich schlanker als die meine und immer lächelnd.

Oh, wie es mich packte, wenn ich ihn ins Auto steigen sah und meine Blicke dann auf den rostigen und uralten VW GOLF fielen, der vor unserer Hausseite parkte! Wie mich der Neid quälte, wenn im Sommer Fenster und Türen nachts offen standen und ich schlaflos das Luststöhnen der Nachbarn mit anhören musste in dem Bewusstsein, dass zwischen meiner Frau und mir schon lange nichts mehr lief!

Was machte ich nur ständig falsch?

Mit meiner Arbeit ging es schon los. Ich habe mal Elektriker gelernt, obwohl mich Strom gar nicht sonderlich interessierte. Meistens war ich in einem größeren Betrieb angestellt, war sozusagen ein kleineres Rädchen eines umfangreichen Uhrwerks und habe meine Aufgaben erledigt, so gut ich konnte. Damals auch noch und ganz schlecht verdiente ich dabei nicht, nur frisst eben so ein Hauskredit auch eine Menge, je nachdem wie hoch die Rate ist. Unsere war ziemlich hoch und wir wollten die Abzahlung bald schaffen. Deshalb haben wir den größten Teil des Betrages, den meine Frau beisteuern konnte – sie arbeitete im Einwohnermeldeamt – auf die hohe Kante gelegt. Selten nur leisteten wir uns mal Kino oder Theater oder sonst ein Vergnügen.

Der Mensch kann nicht alles haben.
Urlaub war schwierig, denn sie wollte immer in die Berge und ich ans Meer. Bei jeder Reise, die wir gemeinsam unternahmen, war einer von uns unzufrieden bis eingeschnappt. Wie sollte da jemals was draus werden?

Irgendwann kam mal der Zeitpunkt, da habe ich den Nachbarn zu einem längeren Gespräch provoziert.

Du musst es dir wünschen, wie du leben willst, sagte der doch zu mir. Einfach wünschen und dann kommt es schon.
Du musst wissen, was du willst und das Leben nicht einfach so dahindümpeln lassen.

Gut, das klang ganz plausibel. Leuchtete mir auch ein. Jeder ist selbst seines Glückes Schmied; das haben sie schon gesagt, als ich noch zur Schule ging.

Ich fing an und wünschte mir, dass meine Frau sich verändert. Wieder so sexy wird, wie sie früher mal war.
Das klappte natürlich nicht, denn sie setzte sich abends vor den Fernseher wie gewöhnlich. Ich war enttäuscht und wünschte mir eine bessere Arbeit, wenn ich auch nicht wusste, was für eine. Da nun passierte tatsächlich etwas, schon zwei Tage danach. Ich wurde nämlich entlassen.

Die Sache funktioniert nicht, sagte ich zu meinem Nachbarn. Was mache ich falsch?
Gar nichts, meinte der. Du musst nur wissen, was du willst, das habe ich dir doch gesagt.
Wenn du dir eine bessere Arbeit wünschst, solltest du schon wenigstens eine Vorstellung haben, was das für eine ist. Woher soll das Universum wissen, was dir Spaß macht?

Gut, das leuchtete mir mindestens ebenso gut ein wie der erste Rat. Ich wanderte auf und ab in meinem Zimmer und suchte in meinem inneren Datenspeicher nach einer Tätigkeit, die mich jubeln ließe.
Die Ideen wirbelten in mir umher. Durch meine sexuelle Durststrecke bedingt leuchteten die Berufsbilder eines Zuhälters oder eines Callboys auf, aber wenn ich weiter darüber nachdachte, erschienen sie mir hochriskant. Dann fiel mir ein, welchen Stellenwert Segelboote oder Segelschiffe in meiner Jugend eingenommen hatten, wieviel Modelle ich gebastelt hatte und wieviel Träume durch meinen Geist geflutet waren. Was aber konnte man heutzutage damit anfangen? Wohl gab es Segelvereine, doch die kosteten Geld statt dass sie erlaubten, welches zu verdienen. Nichtsdestoweniger hätte es mir durchaus Spaß gemacht, in einem solchen Club mitzuarbeiten.

Meine Frau war völlig unzugänglich für dergleichen Pläne.
Sieh zu, dass du bald wieder eine anständige Arbeit findest, riet sie.
Dasselbe hätte mein Vater zu mir sagen können.

Wiederum ging ich zu meinem Nachbarn hinüber.
Du stehst noch am Anfang, stellte der fest. Du weißt noch nicht, wie man die Dinge, die man möchte, in sein Leben holt. Und er gab mir ein Buch. Da ich inzwischen eine Menge ähnlicher Bücher gekauft und gelesen habe, ist meinem Gedächtnis der Titel abhanden gekommen. Über die Technik des Wünschens und Bekommens aber waren sich alle einig, die ich bis heute gelesen habe, und sie ist denkbar einfach:

Du wünscht dir was, dann lässt du den Wunsch los
– was immer das im Einzelnen bedeuten mag – und dann tust du so als habe er sich erfüllt.

Wenn es weiter nichts ist, dachte ich mir, dann fange ich noch mal von neuem an.
Und wünschte mir so dies und jenes. Wenn ich wollte, dass mich meine Mutter nicht zum Geburtstag besuchte, bekam ich den Wunsch erfüllt. Es kam mir geradezu wunderbar vor. Wenn ich mir wünschte, dass die Autoreparatur billig ausfallen möge, geschah auch das. An manchen Tagen bestellte ich Sonnenschein und erhielt ihn prompt. Dann stellte ich mir vor, wie der Fernseher streikte und folgerichtig versagte entweder das Gerät selbst oder die Fernsteuerung. Leider war das noch kein Grund für meine Frau, sich nackt neben mich auf die Couch zu plazieren, doch ich wusste ja, dass dieser Wunsch nicht funktionierte.

Überhaupt habe ich gelernt, Wünsche einzuteilen in diejenigen, die sich leicht erfüllen
und die Gruppe, die sich überhaupt nicht oder nur schwer verwirklichen lässt.

Diese Aufstellung ist von mir selbst und wird in keinem der einschlägigen Bücher erwähnt. Das ist jammerschade, denn ich finde, die Wunschwissenschaft sollte allmählich bereichert werden. Leider bin ich kein guter Autor, sonst hätte ich selbst das Standardwerk dazu geliefert.

Auch scheint es einen Punkt zu geben, an dem sich die Wünsche umkehren und gegen den Wünscher richten.

So wollte ich natürlich gern so reich sein, dass ich das Haus mit einem Schlag hätte abzahlen können; doch was geschah, war die Zwangsversteigerung, die uns ein knappes Jahr später ereilt hat. Erspart es mir, die näheren Umstände zu schildern. Zwar war ich inzwischen im Segelclub gelandet, wo ich mich durchaus wohl fühlte, aber der kostete mich immer noch Geld und hat mir bis heute keinen Cent Verdienst gebracht. Glücklicherweise gibt es so etwas wie Sozialhilfe und deshalb blieb ich am Leben.

Der einstige Nachbar ging mir seitdem geflissentlich aus dem Wege, wenn er mich von weitem erblickte, denn er fürchtete wohl meine Fragen. Seine Frau sah zuletzt auch nicht mehr so gut aus und es mag sein, dass sie das ein wenig mitgenommen hat, was mit uns geschehen ist.

Die Bücher behaupten natürlich, dass, wenn Wünsche sich nicht erfüllen, ich nicht genügend so getan hätte, als wären sie bereits erledigt. Nun mag es wohl sein, dass ich ein Anfänger bin, aber ich vermute, dass in diesem Bereich die Wissenschaft noch nicht so weit ist.

Stellen Sie sich vor, ich springe aus einem Flugzeug ohne Fallschirm und ich tue so, als ob ich fliege, weil eben das mein Wunsch ist. Es ist einfach zu schwierig, die Flugrichtung aus der Vertikalen in die Horizontale umzustellen und ich möchte den sehen, der das von heute auf morgen schafft. Ja, und man landet auch völlig korrekt, aber wenn das mit der Richtung klappen würde, wäre es möglich, das Erlebnis noch eine Weile auszudehnen und zu genießen.

Da gab es dann Tage, da hatte ich nur noch zehn Euro im Portmonnee und sonst nichts mehr.
Getreu den Anweisungen habe ich mir vorgestellt, es seien zehntausend. Trotzdem jagte mich der Autoverkäufer schimpfend davon. Aber für eine Currywurst mit Pommes reichte es und ich war eine Weile satt. Glücklicherweise begegnete ich dann noch meiner Frau, von der ich seit dem Umzug getrennt lebe. Sie war so gut drauf, dass sie mir ein Abendbrot spendierte.

Überhaupt war ich ziemlich überrascht, wie es ihr ging. Sie trug ein tief ausgeschnittenes Kleid, das ich noch nie an ihr gesehen hatte und roch nach Rosen. Leider durfte ich nicht länger bleiben, denn sie hatte schon Besuch. Mir ging es danach wirklich nicht besonders gut und ich hatte keinen Nachbarn mehr, den ich fragen konnte.

Die Predigten der Bücher verstehe ich nicht.
Es gibt nichts, was du nicht haben kannst, sagen sie, und nichts, was du nicht sein kannst. Wer weiß, wen sie meinen mit diesem du? Sie haben mir trotzdem viel geholfen, denn aus meinem Bibliotheksbestand waren sie die einzigen, für die ich im Antiquariat noch ein paar Euro bekommen konnte.

Nicht, dass ihr denkt, die Geschichte wäre damit zuende gewesen!

Vielleicht ist es nämlich interessant für euch, dass ich jetzt ein reicher Mann bin und Inhaber eines Geschäfts für Segelzubehör, das blendend läuft. Und wenn ihr meine schnuckelige Liebste sehen könntet, die wahrscheinlich schon ungeduldig auf meine Rückkehr wartet, würde euch der Neid zerfressen.

Wann ich Bauch und Doppelkinn los geworden bin, entzieht sich meinem Erinnerungsvermögen. Und was ich erst recht nicht weiß, ist, wieso ich das alles erreicht habe. Denn gewünscht habe ich mir nichts mehr, das kann ich euch versprechen.

(Aus: A. H. Buchwald, GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL - Der Weg zum eigenen Weg, Teil 2,
AndreBuchVerlag 2012, eBook 2011)
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Gina
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